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Authentzität vs. Posen

"Seit jeher wird Gesang dazu benutzt, Stimmungen zu erzeugen und Menschen in eine bestimmte Gemütsverfassung zu versetzen: Freude, Trauer, Angst und Schrecken lassen sich mit keinem Instrument annähernd gut beschreiben, Bitten, Forderungen und Wünsche nicht "ansprechender" verpacken. Tatsächlich sind Instrumente in der klassischen Auffassung reines Beiwerk, sozusagen Geschmacksverstärker, die immer um den Gesang in ihrem Zentrum kreisen. Daran hat sich bis heute nichts geändert, wenngleich die Themenvielfalt gerade in den modernen Zeiten der Popmusik etwas gelitten haben: Seit 40 Jahren geht es in den Hitparaden vornehmlich um die Liebe in all ihren Facetten, weshalb das stilistische Repertoire der Interpreten dem Zuhöhrer recht absehbar und bekannt erscheint." Christian Preissig (aus Perfect Vocals)

Genau das ist auch meine Auffassung von Musik - von Kunst allgemein. Meiner Meinung nach wird Musik erst dann zu (hoher) Kunst, wenn sie tiefegründige Gefühle und Gedanken ausdrückt - und das geht nur über den Text und somit über den Gesang (bzw. Rap). Auf diese Weise kann Kunst den Horizont der Menschen erweitern und/oder ihnen Gefühle und Gedanken, die sie (vielleicht unbewußt) schon tief in sich tragen, aber bisher nicht auszusprechen wagten, bestätigen. Das kann ihnen wiederum den Halt geben, den sie brauchen, damit sie sich gegen den Widerstand von Außen wehren und diese Gefühle und Gedanken in sich reifen lassen können. Ein einfacher Sachtext, in dem diese Gefühle und Gedanken formuliert werden kann dies nur bedingt bewirken, weil er nur auf geistiger Ebene bleibt. Gesang und Begleitmusik hingegen können auf emotionaler Ebene einen Prozess lostreten, indem sie die zum Inhalt des Textes passende Stimmung erzeugen und so ein tiefes emotionales Verständnis schaffen, das man mit den Worten allein nicht erreichen kann.

Doch wie siehts mit der heutigen Musik aus? Statt, dass man versucht immer tiefgründigere Gefühle und Gedanken auszudrücken, wird alles immer trivialer. Die Texte handeln fast ausschließlich von Liebe und sind oberflächlich gehalten, damit sich möglichst viele Höhrer damit identifzieren können und die CD kaufen. Die Stimmungen die Musik erzeugt werden dabei zur Manipulation benutzt und sollen dem trivialen Texten den Schein geben etwas bedeutsames auszudrücken. Dieser Schein wird noch verstärkt, indem man die "Künstler" in glamouröse Kleidung steckt und sie - umrahmt von neuster Videoclip-Ästetik - coole Posen einnehmen läßt. Letzteres nutzen übrigens auch Politiker, Diktatoren usw. um die Massen zu manipulieren.
Den Musikfirmen geht es natürlich nicht darum anderen politische Vision aufzuzwingen, ihnen geht es schlicht um Geld. Einerseits ein Mangel an Verständnis für Kunst, andererseits Marketingstrategien als Ersatz für dieses Verständnis, führt dazu, dass sämltiche Musikrichtungen ausgeschlachtet werden und ihnen die Seele genommen wird. Ein Beispiel ist Hip Hop. Rap begann als triviales Reinrufen von kurzen Reimen, die die Leute in gute Stimmung versetzen sollte, entwickelte sich aber bald zu einem Sprachrohr der unterdrückten Afroamerikaner. Man sprach in den Texten den Rassismus und soziale Ungerechtigkeit an und machte sich der damit verbundene Wut, Angst und Enttäuschung Luft. Doch je populärer Rap wurde, desto trivialer wurde er auch (wieder). Heute geht es nur noch darum, wieviel Goldketten der Rapper um den Hals hat, wie cool er beim Posen aussieht und wieviel dicke Autos und halbnackte Frauen in den Videos vorkommen.
Dem Visual Kei ergeht es ähnlich. Während die Bands in Japan u.a. noch über Depressionen, soziale Probleme u.ä. singen, wird hier nach Deutschland nur die Mode und Ästhetik dieser Jugendkultur importiert und die Texte - wie sollte es anders sein - auf Liebeslieder reduziert (siehe Tokio Hotel). Denn wer von Depressionen singt ist "emo" und selbstmordgefährdet und verdirbt unserer Spaßgesellschaft nur den ganzen Spaß (wie assozial!!). Die Angst der Spaßgesellschaft sich mit solchen unschönen Gedanken auseinandersetzen zu müssen, hat dem Visual Kei eh schon einen schlechten Ruf eingebracht und wird in den deutschen Medien dementsprechend schlecht dargestellt.
Übrigens auch jenseits der Popmusik sind die Auffassung von Musik oft sehr trivial. Zwar wird da weitgehend auf die Scheinwelt verzichtet, dafür aber fixiert man sich darauf wie gut jemand singen oder ein Instrument spielen kann. Der Text wird auch hier nur als Nebensache gesehen und höhstens in seiner Ästetik oder Ausdrucksweise bewertet, selten aber seines Inhalts wegen.

Mich hat diese Scheinwelt der Popmusik noch nie angesprochen und ich verstehe auch nicht, was daran so toll ist bewundert zu werden. Das ist doch ebenfalls nur schein, die Leute projezieren etwas auf einen und bewundern einen für etwas das man gar nicht ist. Das wiederum ist doch nur ein kläglicher Ersatz für echte Liebe und Zuwendung. Aus diesem Grund will ich selbst auch gar nicht bewundert werden und habe selbst auch nie jemanden bewundert (auch als Teenager nicht). Das sind auch alles nur Menschen. Sicherlich finde ich auch das ein oder andere toll an bestimmten Leuten, aber deshalb setze ich sie nicht auf ein Podest.
Und weil mich das alles nicht interessiert und ich lieber nach etwas "Echtem" suche und strebe, habe ich auch eine ganz eigene Vorstellung wie meine eigene Musik sein soll. Ich möchte tiefgründige Gefühle und Gedanken authentisch vermitteln. Das bedeutet eine schnörkellose Sprache zu benutzen, natürlich und nicht affektiert(!) zu singen und gefühlvolle aber nicht sentimentale(!) Begleitmusik zu komponieren. Ob ich mein Ziel je erreiche steht allerdings in den Sternen. Vermutlich stehe ich mir dadurch, dass ich Musik eben nur als Begleitmusik (und nicht um das worum es eigentlich geht) sehe, etwas selber im Weg. Ich liebe Musik, auch rein instrumentale Musik, aber wenn ich selber welche mache, sehe ich sie immer nur als Begleitmusik und gebe daher schnell auf, wenn es nicht gleich so klingt wie ich sie brauche. Außerdem stehe ich immer unter dem Druck meinen eigenen (hohen!) Ansprüchen gerecht werden zu müssen. Noch dazu kommt, dass ich vermutlich nie selber singen werde und wenn dann nur sehr schlecht. Das bedeutet, dass jemand anderes meine Texte singen müßte und das ist irgendwie unbefriedigend.
Aber da ich eh nicht anders kann - ich hatte die Musik schon mehrmals hingeschmissen, machte aber kurze Zeit danach doch wieder weiter XD -, werde ich das Hobby einfach weiterbetreiben. Vielleicht werde ich mein Ziel ja doch noch irgendwann erreichen. ^^'

1.11.06 14:41
 


bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Mari (2.11.06 14:26)
Ich bin auch ganz deiner Meinung! °0°
Viele "Künstler" tragen doch nur noch ein Konzept vor, da kommt garnichts von denen. Es gibt ein Programm und das wird durchgezogen =_= (z.B. Lafee etc.) ich frage mich manchmal ob die überhaupt wissen was sie da singen. Na ja, Musik die _populär_ wird, wird ja dann auch immer pop genannt (egal ob es nun hip hop oder etwas anderes ist ^^°). Wenn eine Band berühmt wird, wird sie manchmal popiger, ich finde es aber in ordnung wenn es damit zu tun hat, dass die Band sich weiterentwickelt hat (aus ihrerer dunkleren Phase raus ist) oder vielfältig sein will und vieles ausprobieren will - die Musik muss dadurch ja auch nicht gleich hirnlos sein.

Ich finde allerdings das die meisten Lieder, sich schon früher, nur um _Friede, Freude; Eierkuchen_ drehten, weil das bei den Leuten eben gut ankam. Aber wie heute gibt es auch ausnahmen.

Ich bezweifle bis heute, das die meisten menschen kapiert haben das das Fernsehn sie beeinflusen will. Den Maßstäben im Fernsehn wird geglaubt, mesit acuh wenn jemand von sich behauptet er würde sich nichts daraus machen =__= dazu möchte ich dir mal den link zu diesem blogeintrag geben o.o -> http://myblog.de/flu-glammo/1 hab auch etwas dazu geschrieben ^^;


Mari (2.11.06 14:50)
Achso, ich finde den Text natürlich auch am wichtigsten.
Das heißt aber nicht das ich die Musik ausschließlich anhand des Textes beurteile ^^;

den meisten geht es eigentlich auch garnicht mehr um den text, die sind froh wenn sie den text nicht verstehen, weil sie die musik dann warscheinlich garnicht mehr mögen würden. Das ist echt unmöglich, irgendwie beschränkt. Man muss ja nicht seinen Musikgeschmack ändern, soll aber dann nicht irgendwelche Texte verschmäen, nur weil sie einen selbst nicht betreffen/weil man nichts damit anfangen kann, dass ist verdammt intolerant. So ist es eigentlich mit vielen Dingen, das eine oder andere gefällt einem vielleicht nicht, aber dann muss man es doch nicht schlecht machen. Es liegt ganz im Auge de betrachters. Schlecht ist es, wenn man Kunst verfälscht um damit anderer zu manipulieren. Das ist doch nur noch marketing, sonst nichts.

Wenn man sich die PunkRock Musik von heute anhört und sie mit der früheren PunkRock-Musik vergleicht, merkt man eigentlich auch das die heutige PunkRock-Musik um einiges popiger geworden ist. Ich habe eigentlich gegen keine Szene und gegen keine Musikrichtung etwas, anziehen kann sich auch jeder wie er will, würde sich nur jeder der irgendwo "dazu gehört" nicht immer für was besseres halten. Ich finde das total unerrträglich. Da ist jeder froh darüber anders zu sein und dabei sind sie alle gleich. Na ja es gibt überall solche Leute und solche Leute, genauso wie in der Musik das eine überwiegt und das andere immer mehr darum kämpfen muss nicht unterzugehen.


Mari (2.11.06 15:07)
ich muss dich leider noch einmal belästigen o_o... XD

ich setze mir auch immer sehr hohe maßstäbe und irgendwann kommt der Punkt an dem ich nur noch denke "das ist nur noch schrott!". Es ist schwer wenn man durch sein zeichnerisches können behindert wird, weil man noch nicht gut genug ist und dadurch das wertvolle, was man im Kopf hat irgendwie nicht genau so rüberbringen kann wie man es will XD man denkt praktisch schon "man, das ist perfekt!" aber man selbst ist es eben nicht ^^° mein "motto" ist "einfach machen!" (XDDD) man muss praktisch jahrelang vor einem schrotthaufen sitzen, mit der überzeugung das der sich irgendwann in gold verwandelt (das ist natürlich irgendwo übertrieben dargestellt ;; ). Ich denke dir geht es bei der Musik vielleicht ungefähr genauso...

Ich glaube so schwer es einem fällt, man muss viel schrott produzieren um an sein ziel zu kommen.


Versuch es doch einfach mit dem singen :D


Kippei (3.11.06 12:05)
Bitte "belästige" mich ruhig weiter, ich habe gerne was zum Lesen <3

Genau, die meisten dieser Künstler (ich nenne sie Künstler-Immitatoren XD) folgen nur einem vorgeschriebenem Konzept. Die Musik wird dann unter dem Namen des Sängers veröffentlicht, obwohl nichts davon von ihm stammt. Das ist der totale Etikettenschwindel! -_-
Ich finde es auch in Ordnung wenn ein Künstler popiger wird, ich habe eh schon immer eher die Musik von Leuten gehört, die die Gradwanderung zwischen künstlerischer Eigenständigkeit und Kommerz beschritten haben. Diese Künstler machen sich halt das Wissen und Können von guten Produzenten und Tontechnikern zu nutze, um ihre Musik aufzuwerten. Solange sie selbst (bzw. ihre künstlerischen Visionen) die Regie behalten, finde ich das sogar sehr gut! Das Problem bei den Künstler-Immitatoren ist halt, dass sie Leuten die Regie überlassen, die (wie diese Immitatoren selbst) überhaupt keine künstlerischen Ambitionen haben und nur Marketingstrategien verfolgen (oder sie überlassen es den "Technikern", die die Musik "zusammenbauen" wie ein Tischler einen Stuhl streng nach Standartvorgaben zusammenzimmert).
Die US-Fernsehsender z.B. haben inzwischen begriffen, dass künstlerische Freiheit sogar mehr Erfolg bringt, als Marketingstrategien (alleine) und geben den Autoren daher neuerdings viel mehr Kontrolle über die Serien und Filme. Da ist es sogar so, dass der Autor und Schöpfer einer Serie mehr zu sagen hat, als der Regisseur (was sonst nicht der Fall war). So kann er seinen Mikrokosmos fast ohne Verfälschung auf die Leihnwand bannen. *_* Dadurch kommen aus den USA seit einiger Zeit wieder echt gute und innovative Serien, die in der filmischen Umsetzung genau so gute Qualität haben wie Kinofilme (da die Sender auch wieder mehr Geld springen lassen) und inhaltlich sogar ein höheres Niveau erreichen als diese Eventfilme im Kino. Da funktioniert diese Gradwanderung auch sehr sehr gut.


Kippei (3.11.06 12:05)
Klar, diese "Friede, Freude, Eierkuchen"-Musik gibt es schon lange (der Autor den ich oben zitiert habe, meinte mit früher glaube ich auch ganz früher als Gesang "entstand"). Heute kommt halt noch verstärkt dazu, dass sich alles um die Personen und ihr Image dreht und die Musik fast nur noch Nebensache ist.
Während für meine eigene Musik nichts anderes in Frage kommt, als tiefsinnige Texte mit möglichst therapeutischer Wirkung (für mich und im besten Fall für den Höhrer), stelle ich diese Bedingung nicht mal an jede Musik. Solange sie mich nicht mit ausgelutschten Floskeln o.ä. nervt (wie Eminem einmal über die Boygroups sagte: "wie oft will man denn noch Heart auf Apart reimen?) und zu oberflächlich ist, höre ich sie auch gerne zur Unterhaltung. Diese US-Serien z.B. sind auch nur selten sozialkritisch o.ä., sie sind auch reine Unterhaltung. Aber an der Qualität spürt man halt die künstlerischen Ambitionen. Außerdem stellt man die Figuren oft vielschichtiger dar, als früher (wo Gut und Böse noch streng getrennt dargestellt wurde). In der Serie Deadwood macht man z.B. Andeutungen darüber, dass die Prostituierten (ebenso wie ihr Zuhälter) als Kinder sexuell mißbraucht wurden und liefert damit eine (wenn auch oberflächliche bzw. vereinfachte) Erklärung warum sie so sind wie sie sind. Auch stellt man den wilden Westen viel realistischer dar als in den alten Westernfilmen, ganz ohne Pathos (deshalb liebe ich die Serie so, obwohl ich nie was für Western übrig hatte). Das alles hat was aufklärerisches und stellt die Serie auf ein höheres künstlerisches Niveau *_*
Sicherlich gab es diese Ausnahmen auch schon in der Vergangenheit, aber die Qualität hat sich dennoch gesteigert.


Kippei (3.11.06 12:06)
Mit Szene-Musik kam ich auch nie zurecht. Da gibt es immer solche Fundamentalisten, die streng auf bestimmte Vorstellungen behaaren wie die Musik zu sein hat und welche Klamotten man als Szeneangehöriger zu tragen hat. Was als Ausdruck von Individalität angefangen hat, entwickelt sich zu nem Gruppenzwang, der auch nicht besser ist als der, der Kommerzgesellschaft. Deshalb habe ich mich auch nie einer Szene zugehörig gefühlt. Ich lasse mich von vielen beeinflußen, aber ich identifiziere mich mit keiner. Obwohl ich das selbst nicht mache, finde ich es sehr gut, wenn jemand seine Individualität durch seine Klamotten ausdrückt, solange er sie auch im inneren auslebt. Leider ist auf dem ersten Blick nie zu erkennen, ob das bei jemanden wirklich der Fall ist oder ob er nur einem Gruppenzwang folgt. Letzteres ist leider öfters der Fall, als ersteres -_-
Ich selbst beschränke mich auf das innere Ausleben meiner Individualität. Was Klamotten angeht beschränke ich mich auf das was gerade günstig zu haben ist und mir einigermassen gefällt. Manche würden die eher jugendlich-sportliche Klamotten, die ich trage für mein Alter unpassend finden, aber dennoch halte ich sie sehr schlicht. Und meine Haare färbe oder frisiere ich auch auf keine besondere Weise (würde ich aber auch nicht grundsätzlich ausschließen das mal zu machen).


Kippei (3.11.06 12:06)
Ja, mit meiner Musik geht es mir genau so! Das scheint sogar ein allgemeines Problem von Künstlern zu sein. ^^ Er findet sein eigenes Werk nur selten gut genug (spätestens am nächsten Tag mag er es nicht mehr). Das treibt einen zwar an, besser zu werden, ist aber auch ganz schön frustrierend. Bei mir kommt halt noch dazu, dass ich erst so spät damit angefangen habe und ich daher ständig das Gefühl habe, dass mir die Zeit davonläuft. Aber das ist eigentlich Unsinn.

Ich versuche es ja mit dem Singen, aber das ist so unsagbar peinlich und deshalb ziemlich frustrierend. -_-'''' Ich will ja gar nicht der weltbeste Sänger werden, aber ich will eine Stimme, die zu meiner Musik passt. Im Moment versuche ich rauszufinden, ob ich aus meiner überhaupt was brauchbares machen kann (die Anatomie in meinem Halsbereich ist nämlich nicht gerade fürs Singen geschaffen -_-).

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