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Interview mit Alice Miller*

(*Darf nur ohne Kürzungen, Änderungen oder Zusätze abgedruckt werden.)


1) Welche Behandlung von Kindern führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Traumatisierungen?

AM: Mangel an Respekt, emotionale Ausbeutung, Ignorierung der Gefühle und Bedürfnisse des Kindes, Schlagen, Erzeugen von Angst, Verachtung, Auslachen und vieles mehr.

2) Was macht das Störungsbild Traumatisierung aus? Und wie äußert sich dies im Verhalten der Kinder?

AM: Ein zu Hause traumatisiertes Kind zeigt schon im Kindergarten und dann in der Schule die destruktiven Muster, die es zu Hause gelernt hat. Es zeigt die Unsicherheit und Angst oder überdeckt diese Gefühle mit aggressivem Verhalten. Beides wird von unempathischen Lehrern als Unarten gewertet und mit Strafen beantwortet, die noch mehr Angst bewirken. Lehrer, die den Mut haben, die Misshandlungen der Eltern zu sehen und mit ihnen darüber zu sprechen, um sie über die katastrophalen, oft lebenslänglichen Folgen für ihr Kind aufzuklären, sind eher selten.

3) Wie können Fachleute/ Laien aus dem Verhalten, Anhaltspunkte zu traumatischen Ereignissen gewinnen.

AM: Das lässt sich leicht erkennen, wenn man es sehen WILL. Hingegen wenn man Angst hat vor den eigenen verdrängten Erinnerungen, schaut man weg und neigt dazu, Strafen zu verteilen und so die Ängste noch zu verstärken (s.Punkt 2).

4) Wer sind die Ansprechpartner bei erfolgter Traumatisierung?

AM: Es gibt viele Jugendämter und andere Institutionen, aber mir ist keine bekannt, die eindeutig auf der Seite des Kindes steht. Die dort tätigen Menschen haben gewöhnlich so viel unbewusste Angst vor ihren eigenen Eltern, dass sie versuchen, dem misshandelten Kind die Taten der Eltern als verständlich zu schildern und den Opfern Schuldgefühle zu machen, statt sie vor unverständlicher Grausamkeit zu schützen. Ein Kind kann nicht verstehen, dass es gequält wird einzig und allein aus dem Grund, dass die Eltern die Qualen ihrer eigenen Kindheit verleugnen, ihre Eltern idealisieren und deren Verhalten mit ihren Kindern unbewusst wiederholen.

5) Wie verhalten sich Angehörige oder Menschen aus dem sozialen Nahumfeld? Hilfreich für das betroffene Kind?

AM: Sehr selten haben die Menschen aus dem sozialen Umfeld den Mut, dem misshandeltem Kind zu zeigen, dass es als Sündenbock gebraucht wird. Doch genau das wäre für seine Zukunft entscheidend. Sonst fühlt sich das Kind schuldig und wird später als Erwachsener an seinen eigenen Kindern Rache nehmen, auch wieder unbewusst.

6) Gibt es erprobte Präventivmaßnahmen gegen Traumatisierung von Kindern? Und wenn ja, welche sind dies?

AM: Jedes Kind braucht Respekt, Schutz, Zuwendung, Ehrlichkeit, Verständnis und vieles andere. Das alles zusammen nennen wir Liebe. Doch Eltern, die niemals Liebe erfahren haben und lernen mussten, Grausamkeit als Liebe zu verstehen, können sie weder sich selber, noch ihren Kindern geben, es sei denn, sie haben später begriffen, dass das, was sie erfahren haben, keine Liebe war. Mit der Erkenntnis der eigenen Wahrheit beginnt ein Prozess des Bewusstwerdens und damit auch das Erwachen der Empathie und Liebesfähigkeit, sich selber und den eigenen Kindern gegenüber.

7) Was fordern Sie von Menschen in der Umgebung von Kindern, so dass mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht erst Traumatisierungen stattfinden können?

AM: Es wäre hilfreich für Eltern von Neugeborenen, organisierte Besuche von Menschen zu bekommen, die ihre Wahrheit nicht verleugnen und den Eltern zeigen können, was ihr Kind braucht. Empathie kann man nämlich lernen, aber man braucht Vorbilder dazu. Freunde, die gute Ratschläge geben, aber das Kind „korrigieren“ wollen, können uns dieses Wissen nicht vermitteln. Junge Eltern brauchen unbedingt mehr Aufklärung über die URSACHEN der Misshandlungen. Wir wollen auf meiner Website einen Telefondienst organisieren, der Müttern zur Verfügung stehen sollte, die in ihrer Verzweiflung ihr kleines Kind schlagen wollen. Ihnen müsste man am Telefon erklären, dass der Zorn, den sie im Moment spüren, gar nicht wirklich das Kind meint, sondern die eigenen Eltern, die sie demütigten und hilflos machten, aber ihr in der Kindheit nie erlaubten sich zu wehren. Jetzt mag sich dieser Zorn beim eigenen Kind melden, doch er darf nicht hier ausgelebt werden, weil dies lebenslange, schlimme Folgen haben wird. Es ist nicht wahr, was uns in den Zeitungen immer erzählt wird, dass Zeitmangel, Stress und Armut zu Misshandlungen und Lieblosigkeit führen. Es sind einzig und allein die verleugneten Qualen der eigenen Kindheit, die gewalttätige und ahnungslose Eltern erzeugen.

Quelle: http://www.alice-miller.com/leserpost_de.php?lang=de&nid=936&grp=1106

2.12.06 12:45
 


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